Forschungsinstitut für Nachhaltigkeit Helmholtz-Zentrum Potsdam

Climate Engineering: Neue Rollen für neue Experten?

08.06.2017

Stefan Schäfer

Dr. Stefan Schäfer

stefan [dot] schaefer [at] rifs-potsdam [dot] de

Wer von der Zukunft erzählt, macht sie beherrschbar. Die Geschichten, die wir über junge Wissenschaftszweige und neue Technologien erzählen, schaffen die Grundlage dafür, wie wir sie gesellschaftspolitisch verorten. Allerdings wandeln sich diese Geschichten—die beteiligten Akteure, die ihnen zugewiesenen Rollen—im Lauf der Zeit, und mit ihnen unsere Auffassung davon, worauf es bei ihrer gesellschaftspolitischen Verortung ankommt. Die Debatte über Climate Engineering—die Vorstellung, dass es möglich sein könnte, gezielt in das globale Klima einzugreifen—ist ein zeitgenössischer Fall solchen Geschichtenerzählens.

‘Climate Engineering’ ist eher eine Diskursfigur als ein Fachbegriff. Es gibt keine anerkannte Definition, was genau unter Climate Engineering zu verstehen sei. Sinn und Zweck des Climate Engineering sind jedoch scheinbar klar: Einige Auswirkungen des Klimawandels sollen abgemildert werden. Entsprechende Vorschläge, wie dies zu bewerkstelligen sei, fallen unter zwei Kategorien: Erstens soll Sonnenlicht von der Erde wegreflektiert werden, zum Beispiel durch Injektion reflektierender Partikel in die Stratosphäre; und zweitens soll Kohlendioxid aus der Atmosphäre entfernt werden, zum Beispiel, indem man die Energieerzeugung aus Biomasse mit Kohlenstoffabscheidung und -speicherung koppelt. Einige dieser Vorschläge reichen bis in die 1960er Jahre zurück, aber seit Mitte der 2000er Jahre wird ihnen wachsende Aufmerksamkeit zuteil.

Ein Vergleich der heutigen Debatte zu Climate Engineering mit der historischen Debatte zur Gentechnik während ihrer Anfänge in den 1970er Jahren kann aufzeigen, wie sich die Geschichten, die wir über Wissenschaft und Technik erzählen, in der Praxis auswirken, wie sie sich im Lauf der Zeit wandeln und welche Folgen sich aus diesen Wandlungen ergeben. Eine Episode ist in diesem Zusammenhang besonders erhellend. Denn beide Debatten erlebten ihren „Asilomar-Moment“: In den ersten Phasen der Diskussion versammelten sich die jeweils Beteiligten in einem Konferenzzentrum im kalifornischen Asilomar und besprachen die nach ihrer Meinung dringendsten Fragen, um die es in der jeweiligen Debatte ging.[i]

Die Konferenz über Climate Engineering im Jahr 2010 orientierte sich bewusst am Vorbild des Treffens zum Thema Gentechnik im Jahr 1975. Eingeladen hatte zu dem damaligen Treffen Nobelpreisträger Paul Berg, der 2010 als Berater und „Ehrenvorsitzender“ hinzugezogen wurde. Das Programmheft von 2010 pries die Konferenz von 1975 wegen ihrer „wegweisenden Bemühungen um die freiwillige Selbstkontrolle durch die wissenschaftliche Gemeinschaft“ und hielt fest, dass, so wie die heutigen Climate-Engineering-Forscher, „Wissenschaftler in anderen Fachbereichen mit öffentlicher Sorge wegen Gefahren infolge von Experimenten konfrontiert gewesen“ seien, es jedoch „wegen der Wirksamkeit der letztendlichen Richtlinien und Verfahren [entwickelt durch die wissenschaftliche Community in Asilomar, St.S.] […] nie zu gefährlichen Freisetzungen von Organismen [kam], die durch rekombinante DNA-Technologie verändert wurden“.

Offenkundig versuchte die Konferenz von 2010 an „Asilomar-im-Gedächtnis“ anzuknüpfen – die kollektive Vorstellung, dass dem Fortschritt am besten gedient sei, wenn wissenschaftliche Untersuchungen ohne Einmischung von außen erfolgen können, basierend auf dem freiwillig ausgeübten Verantwortungsgefühl der Wissenschaftler.[ii] Man versuchte also, das Prestige und die Legitimität zu borgen, die man mit „Asilomar“ verbindet, um so die 2010 dort Versammelten auf dem Weg der freiwilligen wissenschaftlichen Selbstkontrolle fortschreiten zu lassen, den ihnen ihre Vorgänger 35 Jahre zuvor gewiesen hatten.

Allerdings zeigt ein Vergleich der beiden Treffen, wie grundlegend sich die Geschichten unterscheiden, in die sie eingebettet sind. Diese grundlegenden Unterschiede haben bedeutende Folgen für die Mitwirkenden, die sich hier versammelten, für die Fragen, die sie stellten, und für die Governance-Lösungen, die sie erwogen.

Die Gentechnik-Konferenz von 1975 konzentrierte sich auf das Thema der „biologischen Gefährdung“: das Risiko, dass Forscher und Öffentlichkeit potenziell gefährlichen veränderten Organismen ausgesetzt werden könnten. Diese bewusste und explizite Ausklammerung von weiterreichenden gesellschaftlichen, politischen und ethischen Bedenken führte zu einem entsprechend eng gefassten Verständnis von Governance, das sich auf technische Eingrenzungsmaßnahmen durch physikalische und biologische Barrieren zur Gefahrenabwehr konzentrierte.

Die Konferenz über Climate Engineering von 2010 steuerte in eine ganz andere Richtung. Schon das Einladungsschreiben betonte, das Treffen werde „wissenschaftliche und technische Fragen bis hin zu Transparenz und Governance“ betrachten. Das Fazit des Treffens reflektiert das umfassendere Anliegen, die gesellschaftlichen, politischen und ethischen Fragen zu beleuchten, die Climate-Engineering-Forschung aufwirft. Aufbauend auf die Oxford-Prinzipien wurden fünf Governance-Prinzipien formuliert. Keines von ihnen bezieht sich ausschließlich oder auch nur hauptsächlich auf technische Fragen—vielmehr stellen sie alle die umfassenderen Bedenken in den Mittelpunkt, in die sich die Forschung auf diesem Gebiet verstrickt sieht.[iii]

Der umfassendere Ansatz ließ sich bereits an der Teilnehmerliste ablesen, auf der nicht nur Naturwissenschaftler erschienen, sondern auch Anthropologen, Soziologen, Philosophen und Rechtswissenschaftler. Die breiteren Fragestellungen, die von dem heterogenen Kreis der Mitwirkenden aufgeworfen wurden, vereitelten jeden Versuch, der Initiative zur freiwilligen Selbstkontrolle von 1975 nachzueifern. Von den eng definierten wissenschaftlich-technischen Fragen, die 1975 als gesellschaftspolitisch relevant angesehen wurden, konnte man noch behaupten, sie unterlägen der Expertise und folglich der Autorität von Wissenschaftlern und Technologen und deren Bemühungen um Selbstkontrolle; die politischen und ethischen Bedenken, die 2010 zur Sprache kamen, ließen sich hingegen nicht in dieser Form eingrenzen.

Diese Neukonfiguration steht für eine Abkehr von den Geschichten, die früher über naturwissenschaftlich-technische Neuerungen erzählt wurden. Wird unter diesen Bedingungen eine neue Konstellation von Experten entstehen und sich halten? Welche Wissensformen wird man als relevant erachten, welche wird man verwerfen? Wie werden die neuen Experten ihre Rolle inszenieren? Welche Antworten werden sie geben, welche Governance-Lösungen verfechten? Wie werden sie reagieren, wenn ihre Präsenz durch etablierte Kräfte infrage gestellt wird?

Man darf nicht vergessen, dass die Bedenken, die ursprünglich gegenüber der Gentechnik gehegt wurden, durchaus auch deren gesellschaftliche, politische und ethische Implikationen umfassten, und dass im Lauf der Zeit die Fragestellungen aktiv eingeengt wurden.[iv] Eine ähnliche Dynamik kann auch beim Climate Engineering einsetzen. Im Augenblick nimmt die Handlung jedoch einen anderen Verlauf: Weiterreichende Bedenken stehen im Rampenlicht und haben maßgeblichen Einfluss auf unser Verständnis davon, worauf es bei der gesellschaftspolitischen Verortung von Climate Engineering ankommt.


[i]Schäfer, Stefan and Sean Low (2014) Asilomar Moments: Formative Framings of Recombinant DNA and Solar Climate Engineering Research, in Phil. Trans. R. Soc. A, 372: 20140064. http://dx.doi.org/10.1098/rsta.2014.0064

[ii]Hurlbut, J. Benjamin (2015) Remembering the Future: Science, Law, and the Legacy of Asilomar, in Jasanoff, Sheila and Sang-Hyun Kim (Hg.) Dreamscapes of Modernity: Sociotechnical Imaginaries and the Fabrication of Power, University of Chicago Press, S. 126-151.

[iii]Zu den Oxford-Prinzipien siehe http://www.geoengineering.ox.ac.uk/oxford-principles/principles/. Zu den Asilomar-Empfehlungen siehe http://blogs.nature.com/news/2010/11/asilomar_geoengineering_confer.html.

[iv]Evans, John H. (2002) Playing God? Human Genetic Engineering and the Rationalization of Public Bioethical Debate, Chicago: University of Chicago Press.

Eine Version dieses Artikels erschien in dem Blog Experts: Past, Present, Future – A Forum on Expertise about Sustainability, Energy and Development from the 19th Century to the Present.

Foto oben: istock/Viorika

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