Forschungsinstitut für Nachhaltigkeit Helmholtz-Zentrum Potsdam

Landraub oder Nutzen für Gemeinden? Erneuerbarer Wasserstoff in der norwegischen Arktis

15.02.2023

A wind farm in the Far North
Wasserstoff ist eine vielversprechende Lösung für die Energiespeicherung in abgelegenen Gebieten, in denen erneuerbare Energiequellen im Überfluss vorhanden sind.

Grüner Wasserstoff (H2) gilt als ein Schlüsselelement der Energiewende, da er auf Basis erneuerbarer Energien und der Aufspaltung von Wasser hergestellt wird, der sogenannten Elektrolyse. Er birgt daher ein enormes Potenzial, schwer zu elektrifizierende Sektoren zu dekarbonisieren - wie etwa die Stahl- und Düngemittelproduktion oder die See- und Luftfahrt. Auch seine Fähigkeit, Energie zu speichern und sie über weite Strecken zu transportieren, machen grünen Wasserstoff zu einem vielversprechenden Wirtschaftszweig für abgelegene und dünn besiedelte Gebiete mit einem hohen Angebot an erneuerbaren Energiequellen.

Vor allem in Regionen wie der norwegischen Arktis ist das Potenzial für Windenergie enorm. Aufgrund des geringen Energiebedarfs in diesem dünn besiedelten Gebiet und der schwachen Netzanbindung an die südlichen Regionen Norwegens, die einen Export von überschüssiger Energie verhindern, kann dieses Potenzial jedoch nicht vollständig ausgenutzt werden. Genau hier könnten grüner Wasserstoff und grünes Ammoniak – ein Wasserstoff-Derivat, das sich leichter speichern und transportieren lässt – ins Spiel kommen.

Als transportable „Großbatterie“ könnte grünes Ammoniak es ermöglichen, überschüssige Energie aus Windparks zu speichern und in andere Regionen und Länder zu liefern. Dieser potenzielle neue Exportsektor und die damit verbundene Entwicklung einer grünen Wasserstoffinfrastruktur könnten den lokalen Gemeinden erhebliche Vorteile verschaffen und die sozioökonomischen Bedingungen im hohen Norden verbessern. Sie bringen aber auch neue Herausforderungen und Unsicherheiten mit sich.

Große Erwartungen

Der Bezirk Ost-Finnmark im äußersten Norden Norwegens eignet sich besonders gut als ein künftiges Zentrum für die Erzeugung von grünem Wasserstoff. In den Küsten- und Gebirgsregionen wehen die arktischen Winde sehr konstant, und es gibt reichlich Süßwasser – das wichtigste Ausgangsmaterial für die Elektrolyse und damit die Produktion von grünem Wasserstoff. Zudem ist die existierende Netzinfrastruktur zu schwach, um überschüssige Energie in Form von Strom in die südlichen Regionen zu transportieren. Vor diesem Hintergrund hat die kleine Fischergemeinde Berlevåg auf der Varanger-Halbinsel (zirka 1.000 Einwohner) Pläne entwickelt, zu einem Wasserstoff-Vorreiter in Europa zu werden. Diese bestehen darin, die überschüssige Energie aus dem bestehenden 100-MW-Windpark Raggovidda – einem der effizientesten Onshore-Windparks in Europa mit 27 Windturbinen – zu nutzen, um grünen Ammoniak im industriellen Maßstab sowohl für regionale Zwecke (insbesondere die arktische Schifffahrt) als auch für den Export zu produzieren.

Die derzeitigen Pläne sehen vor, die kommerzielle Produktion von grünem Ammoniak bis 2024 aufzunehmen und den Windpark bis 2026 um weitere 16 Turbinen (etwa 100 MW) zu vergrößern. Das von der Europäischen Union finanzierte Projekt weckt hohe Erwartungen bei lokalen und nationalen Politikern. Die Hoffnung besteht darin, Berlevåg zu einem Zentrum für erneuerbare Energien in der Arktis zu machen und auch die Nebenprodukte der Wasserstoffproduktion – Wärme und Sauerstoff – für andere wirtschaftliche Aktivitäten wie Fischzucht und vertikale Landwirtschaft zu nutzen. Dies würde eine Reihe an neuen Arbeitsplätzen in der Region schaffen und dazu beitragen, dem deutlichen Bevölkerungsrückgang entgegenzuwirken, der die Region sowohl wirtschaftlich als auch sicherheitspolitisch vor große Herausforderungen stellt.

 

Wasserstoff ist eine vielversprechende Lösung für die Energiespeicherung in abgelegenen Gebieten, in denen erneuerbare Energiequellen im Überfluss vorhanden sind.
Hydrogen is a promising energy storage solution for remote areas with an abundance of renewable energy resources.

Herausforderungen auf dem Weg zum Erfolg

Der Ausbau der Windenergie ist in Norwegen jedoch höchst umstritten. Vor allem indigene Sámi-Gemeinden, die Rentierzucht betreiben, lehnen die Entwicklung neuer Windparks ab, weil sie die Wanderungsbewegungen der Tiere beeinträchtigen und sich negativ auf die Zucht und damit auf indigene Lebensweise auswirken. Daher wird die Energiewende, und vor allem die Ausbreitung der Windenergie, in Norwegen von samischen Politiker:innen und Forscher:innen oft als ein „grüner Kolonialismus“ und als Verletzung der Rechte indigener Völker kritisiert – eine Ansicht, die von norwegischen Gerichten durchaus gestützt wird.

Im Jahr 2021 entschied das Oberste Norwegische Gericht, dass zwei Windparks auf der Fosen Halbinsel in Westnorwegen gegen Artikel 27 der Internationalen Pakts über bürgerliche und politische Rechte (ICCPR) verstoßen, der besagt, dass „ethnischen, religiösen oder sprachlichen Minderheiten [...] nicht das Recht vorenthalten werden [darf], ihr eigenes kulturelles Leben zu pflegen, ihre eigene Religion zu bekennen und auszuüben oder sich ihrer eigenen Sprache zu bedienen.“ In Berlevåg sind die Pläne zur Erweiterung des Windparks Raggovidda bislang zwar nicht auf öffentlichen Protest gestoßen, aber es gibt durch Kritik seitens des betroffenen Rentierzuchtdistrikts sowie von Mitgliedern des samischen Parlaments, die argumentieren, dass der Windpark und die geplante Erweiterung die Rentierwanderungen beeinträchtigen werden. Auch wenn das Projekt in Berlevåg nicht Gegenstand öffentlicher Debatten ist, ist es nicht unumstritten und birgt die Gefahr, künftig soziale Spannungen und Landkonflikte zu erzeugen.

Pläne zum Ausbau von Windparks im hohen Norden stießen auf Widerstand.
Plans to expand wind farms in the Far North have met with opposition.

Abgesehen von den Problemen, die mit dem Ausbau von Windparks verbunden sind, bringt grünes Ammoniak selbst einige Herausforderungen mit sich. Ammoniak ist eine sehr giftige Substanz, die bei übermäßiger Exposition zu Gehirnschäden oder sogar zum Tod führen kann. Wenn es, beispielsweise im Fall von Leckagen, ins Meer gelangt, gefährdet es daher nicht nur das Leben im Wasser, sondern fördert darüber hinaus auch die Eutrophierung, was zu einem verstärkten Algenwachstum führt. Dies würde wahrscheinlich zu einer Veränderung der Artenzusammensetzung in der Barentssee führen. Angesichts der extremen Fragilität der arktischen Umwelt müssen Projekte dieser Art mit großer Sorgfalt durchgeführt werden und erfordern besondere Vorsichtsmaßnahmen. Gerade weil die Begeisterung für grünen Wasserstoff und grünes Ammoniak so groß ist, ist es daher wichtig, sich zu vergegenwärtigen, dass es sich dabei um durchaus sehr riskante Technologien handelt.

Künftige Ungewissheiten

Zusätzlich zu diesen Herausforderungen und Konflikten ist wichtig, darauf hinzuweisen, dass die Pläne für eine Energiewende in der Finnmark nicht eine rein grüne Wasserstoffzukunft vorsehen. Im Gegensatz zur EU-Wasserstoffstrategie, die langfristig grünen Wasserstoff priorisiert, setzt Norwegen verstärkt auch auf sog. blauen Wasserstoffder aus Erdgas in Kombination mit Technologien zur Kohlenstoffabscheidung und -speicherung (Carbon Capture and Storage) hergestellt wird. In der für die Provinz Troms og Finnmark erstellten Wasserstoffstrategie und Machbarkeitsstudie wird beispielsweise geschätzt, dass das Verhältnis von grünem zu blauem Wasserstoff im Jahr 2025 etwa 1:20 und im Jahr 2045 etwa 1:10 betragen wird. In Anbetracht solcher Schätzungen und der großen Bedeutung des Öl- und Gassektors für die arktischen Regionen ist daher eher unwahrscheinlich, dass grüner Wasserstoff langfristig auf fossilen Ausgangsstoffen basierenden Wasserstoff ersetzen kann.

Auch die gesamtwirtschaftliche und energiepolitische Situation verdeutlicht dies: Während in der Ost-Finnmark noch weitere zum Teil umstrittenere Projekte für grünen Wasserstoff und Ammoniak geplant sind, ist nicht klar, ob diese mit den fossilen Wasserstoff-Alternativen konkurrieren werden können. Zwar hat die anhaltende Energiekrise zu Erdgaspreisen in Rekordhöhe geführt, die die Produktion von grünem Wasserstoff in Europa erstmals wettbewerbsfähig gemacht haben, doch wird die Produktion von blauem Wasserstoff immer noch als zwei- bis dreimal günstiger eingeschätzt als die Erzeugung von grünem Wasserstoff unter „normalen“ Bedingungen. Ob Gemeinden wie Berlevåg in der Lage sein werden, erneuerbaren Wasserstoff zu einem wettbewerbsfähigen Preis zu erzeugen, bleibt daher abzuwarten.

Gleichzeitig ist es angesichts der aktuellen Kontroversen um den Ausbau der Windenergie und anderer Infrastrukturen von entscheidender Bedeutung, dass die Entwicklung von grünem Wasserstoff in der Region nicht nur neue grüne Arbeitsplätze schafft, sondern auch in einer Weise erfolgt, die die Rechte, die Kultur und die Lebensgrundlagen der indigenen Bevölkerung anerkennt und respektiert. Nur dann kann grüner Wasserstoff zu einem wirklich gerechten Übergang beitragen, der sowohl den jeweiligen Kommunen als auch den indigenen Gemeinschaften zugutekommt, anstatt zu einer neuen Form des grünen Landraubs beizutragen.

Dieser Artikel ist erschienen in New Security Beat.

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