Forschungsinstitut für Nachhaltigkeit Helmholtz-Zentrum Potsdam

Bridging the Gap? Das CityScienceLab Hamburg als Experimentierfeld für Kunst-Wissenschafts-Kooperationen

07.12.2023

Teresa Erbach

Teresa Erbach

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CityScienceLab Hamburg Fischköpfe

Am CityScienceLab in Hamburg werden neue Formate für die Zusammenarbeit mit Künstlerinnen und Künstlern erprobt. Was aber sind die Ziele solcher Kooperationen? Teresa Erbach forscht am RIFS-Potsdam zur Rolle von Kunst und Kultur in Transformationsprozessen und hat an der HafenCityUniversität Hamburg ein Kooperationsprogramm wissenschaftlich begleitet.

Das CityScienceLab (CSL) der HafenCity Universität Hamburg arbeitet mit urbanen Daten, um neue digitale Werkzeuge für die Stadtplanung und digitale Stadtmodelle zu entwickeln. Solche Werkzeuge erlauben die Visualisierung und Simulation komplexer urbaner Entwicklungen und unterstützen städtische Akteure in Entscheidungsprozessen. Da sie aber auf der Basis von Daten über bereits existierende Objekte und Mechanismen operieren, können mit ihnen zwar Prognosen aufgestellt werden, aber keine neuen Ideen für urbane Zukünfte oder alternative Lebensentwürfe entwickelt werden. Ebenso werden emotionale Aspekte von Stadtentwicklung und ästhetische Faktoren in der Arbeit mit digitalen Modellen in der Regel nicht berücksichtigt.

Am CSL sollen daher neben Datenanalyse und Modellierung zunehmend auch Data Storytelling und die Zusammenarbeit mit Künstlern und Künstlerinnen eine Rolle spielen. Um diesen Bereich weiter zu stärken, wurden im September 2023 während des CCmCC-Festivals Kunstschaffende und Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler zusammengebracht, um die Schnittstellen von Kunst, nachhaltiger Stadtentwicklung und Datenanalyse zu erkunden. In interaktiven Performances, Ausstellungen, Workshops, wissenschaftlichen Vorträgen, Serious Games, Dokumentarfilmen, immersiven Erfahrungen und Podiumsdiskussionen konnten die Besucher sich mit der Zukunft Hamburgs auseinandersetzen.

Sie begegneten Robotern, die auf Hitzeinseln in der Stadt Bäume pflanzen und damit für politische Kontroversen sorgen, unterhielten sich mit künstlichen Intelligenzen, die von nachhaltigen Gesellschaften träumen und argumentierten aus der Perspektive von Blattläusen und Robinien über den Umgang mit eingewanderten Arten. Ein Bildgenerator zeigte ihnen, was auf ihren Fotos von der HafenCity in 50 Jahren zu sehen sein könnte und anknüpfend an Dokumentarfilme über versunkene Städte wurde die Frage diskutiert, was sich aus den Ereignissen der Vergangenheit für Küstenstädte heute lernen lässt. Unter den verschiedenen wissenschaftlichen und künstlerischen Formaten spielten dabei insbesondere drei Projekte eine zentrale Rolle, die bei der Kunst-Wissenschafts-Kooperation CityClimate meets CreativeCoding (CCmCC) entstanden waren. Dafür waren fünfzehn Kunstschaffende ans CSL eingeladen worden, um mit den digitalen Anwendungen des CSL zum Thema nachhaltige Stadtentwicklung zu arbeiten.

Was sind die Ziele von Kunst-Wissenschafts-Kooperationen?

Das Festival wurde von den Beteiligten als eine seltene und dadurch sehr besondere Möglichkeit wahrgenommen, sich als Künstlerinnen und Künstler sowie Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler auf Augenhöhe auszutauschen. Genauso wurde das vorausgehende Kooperationsprogramm von den Beteiligten positiv bewertet, auch wenn es mit einigen Hürden verbunden war, die sich in Kunst-Wissenschafts-Kooperationen öfters beobachten lassen. So spielt unter anderem die Frage des Ziels einer solchen Kooperation immer wieder eine Rolle.

Sowohl für Kunstschaffende als auch für Forschende besteht ein wesentliches Ziel von Kooperationen darin, neue Perspektiven auf bestimmte Themen zu entdecken. Daneben sind Kunstschaffende in der Regel daran interessiert, neue Methoden oder Materialien kennenzulernen, während für Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler häufig die Kommunikation wissenschaftlicher Inhalte nach außen eine Rolle spielt. Auch können projektbezogene Aspekte wie die Berücksichtigung ästhetischer Faktoren in Reallaboren für sie im Vordergrund stehen.

Oft werden diese Ziele aber gar nicht im Vorhinein geklärt und kommuniziert. Im Falle des Projekts in Hamburg wurden sie bewusst gänzlich offen gehalten und es wurde stattdessen nur ein Spektrum an Themen und Methoden vorgegeben, was die Beteiligten teilweise in eine schwierige Position brachte, wie der Kommentar einer beteiligten Künstlerin zeigt:

„The roles and the goals should be clearer. What is the goal? I´m an artist, I do art. Should I help scientists to do science? Or do we do art together? Or what are we doing? Is this rather "shallow" way of work REALLY beneficial to a) science b) environment work c) to art?”

("Die Rollen und Ziele sollten klarer sein. Was ist das Ziel? Ich bin ein Künstler, ich mache Kunst. Soll ich Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen dabei helfen, Wissenschaft zu betreiben? Oder machen wir gemeinsam Kunst? Oder was machen wir eigentlich? Ist diese eher "oberflächliche" Arbeitsweise WIRKLICH nützlich für a) die Wissenschaft b) die Umweltarbeit c) die Kunst?")

Für manche Künstlerinnen und Künstler war spürbar, dass mit der Finanzierung des Projekts gewisse Erwartungen einher gingen, die aber für sie nicht ersichtlich wurden, weil sie nie definiert worden waren. Solche Ziele intern zu klären und nach außen transparent zu machen, kann für wissenschaftliche Institutionen herausfordernd sein und wird zum Teil auch vermieden.

Das mag zum Teil daran liegen, dass es wenig Erfahrung mit solchen Kooperationen gibt. Es kann aber auch daran liegen, dass es zumindest implizit einen Zielkonflikt gibt. Denn zum einen werden mit dem Engagement in Kooperationen seitens wissenschaftlicher Institution legitimerweise bestimmte Erwartungen oder zumindest Hoffnungen verbunden – auch dann, wenn diese nicht klar definiert und kommuniziert werden. Auf der anderen Seite besteht häufig der Anspruch, Kunstschaffende nicht einzuschränken und Kunst nicht zu instrumentalisieren.

Einen möglichen Ansatz, um mit diesem Dilemma in der Zusammenarbeit am Umweltbundesamt produktiv umzugehen, liefert Friedrich von Borries, der in seinem Fazit zu einem dort angesiedelten Kooperationsprogramm schreibt:

„Die Einbettung von Kunst- und Kulturschaffenden in Projekte, die sich mit umweltpolitischen Fragestellungen beschäftigen, muss nicht die Produktion von „Kunst“ zum Ziel und als Ergebnis haben, sondern könnte durch den Dialog von Kunst und Umweltpolitik etwas „Drittes“ sein, was weder Kunst noch Umweltpolitik ist.“ 

Im Gegensatz zu diesem sehr offenen Ansatz werden zum Beispiel in dem Kooperationsprogramm des Fraunhofer Netzwerks „Wissenschaft, Kunst und Design“ spezifische Ausschreibungen für die Bereiche Kunst und Design formuliert, die sich auf bestimmte Ziele in einzelnen Forschungsprojekten beziehen. Das Spektrum an Möglichkeiten ist breit und reicht von sehr offen gestalteten Residenzprogrammen bis hin zu sehr konkreten Aufträgen. Die Erfahrungen mit dem CCmCC-Projekt in Hamburg zeigen, dass dabei mit Vorgaben zu Themen und Methoden ein Bedürfnis nach einer Festlegung von Zielen einhergeht. Vermutlich sollten solche Zielvorgaben umso klarer definiert sein, je enger zusammengearbeitet wird und je stärker die Kooperation einer vorgegebenen Struktur folgt.
 
Für das CityScienceLab war das Kooperationsprogramm trotz einiger Einschränkungen ein Erfolg. Die beteiligten Forschenden haben es als bereichernd wahrgenommen, ungewohnten Ansätzen nachzugehen, es wurden Ideen entwickelt und Kontakte geknüpft, durch die eine weiterführende transdisziplinäre Zusammenarbeit über den Projektzeitraum hinaus ermöglicht wurde. Zudem wurde interessierte Öffentlichkeit erreicht, mediale Aufmerksamkeit für die Arbeit und Themen des CSL generiert, die Motivation und der Zusammenhalt am CSL verbessert. In Zukunft soll der Fokus dort aber auf längerfristigen Kooperationen im Rahmen von mehrmonatigen Forschungsaufenthalten von Künstlern und Künstlerinnen am CSL liegen, um eine tiefergehende inhaltliche Zusammenarbeit zu ermöglichen.
   

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